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Unser Körper wird über den Blutkreislauf mit Sauerstoff, Nährstoffen, Hormonen, Enzymen, anderen Stoffen und ggf. auch mit Medikamenten versorgt. Im Gegenzug werden Abfallprodukte, Kohlendioxid und andere Stoffe aus dem Gewebe entsorgt. Dieser Stoffaustausch vollzieht sich im Bereich der feinsten Verästelung der Blutgefäße, den Kapillaren. Dort tritt Blutserum (der flüssige Anteil des Blutes) aus dem „arteriellen Schenkel“ des Kapillarsystems in das Gewebe über und wird nach Erledigung seiner Aufgaben vom „venösen Schenkel“ wieder aufgenommen. Allerdings nur zum Teil. Rund zehn Prozent des ausgetauschten Serums bleiben im „Zwischenzellraum“ (Interstitium) liegen. Pro Tag sind das durchschnittlich sechs bis zehn Liter. Diese Flüssigkeit im Gewebe vermischt sich mit Stoffwechselprodukten, Eiweiß- und Fettmolekülen, Enzymen, Hormonen, lebenden und toten Zellen, Zelltrümmern und ggf. auch mit Fremdstoffen, Bakterien, Viren, Farbpigmenten (z. B. von Tätowierungen), ja sogar mit Tumorzellen. All das bildet zusammen die „lymphpflichtige Last.
Den in sich geschlossenen Blutkreislauf kennt jeder von uns. Doch nur relativ wenige Menschen wissen, dass wir noch ein weiteres Gefäßsystem besitzen: das Lymphgefäßsystem. Dieses ist eingangsseitig offen. Seine schier unendlich verzweigten Verästelungen durchziehen unseren ganzen Körper, vereinigen sich zu immer stärker werdenden Lymphbahnen und münden schließlich kurz vor dem Herzen – in den „Venenwinkeln“ hinter den Schlüsselbeinen – in den Blutkreislauf. Den Eingang des Lymphgefäßsystems bilden die „Lymphkapillaren“, auch „initiale Lymphgefäße“ genannt. Sie sind mikroskopisch fein und bilden ein engmaschiges Netz im Bindegewebe (Abb. 1). Über einen höchst komplexen Mechanismus, an dem das ganze umliegende Gewebe beteiligt ist, saugen die Lymphkapillaren die lymphpflichtige Last auf. Darum wurde das Lymphgefäßsystem früher oft auch als „Saugadersystem“ bezeichnet. Ab dem Moment, in dem die lymphpflichtige Last vom Lymphgefäßsystem aufgenommen wurde, heißt sie „Lymphe“ (lat. lympha = klares Wasser, Quellwasser). Sie ist durchsichtig, leicht gelblich, nur die Lymphe aus dem Darmbereich ist – besonders nach einem fettreichen Mahl – milchig-trüb.
Am Transport der Lymphe sind viele Faktoren beteiligt. Einer der wichtigsten ist die „Muskelpumpe“. Wenn wir uns bewegen, üben die Muskeln im Rhythmus der Bewegung wechselnde Drücke auf die Lymphgefäße aus. Entlang der Lymphbahnen sitzen viele Ventilklappen, ähnlich denen, wie wir sie von den Venen, insbesondere von den Beinvenen her kennen. Diese Klappen lassen die Lymphe nur in eine Richtung fließen. Das Zusammenwirken der wechselnden Muskeldrücke und den Klappen bewirkt einen sehr wirksamen Lymphtransport.
Ebenso bedeutend für den Transport der Lymphe – besonders bei körperlicher Ruhe – sind die Lymphangione (Abb. 2). Diese „Lymph-Herzchen“ werden vom vegetativen Nervensystem gesteuert und sie tragen eingangsseitig und ausgangsseitig die soeben erwähnten Ventilklappen. Im Ruhezustand „schlagen“ die Lymphangione etwa zwei- bis fünfmal pro Minute, bei starker körperlicher Belastung kann die Frequenz bis auf 30 pro Minute ansteigen. Dann wird tüchtig Lymphe in Bewegung gesetzt! Aber auch das Pulsieren der Arterien, die auf vielen Strecken mit Lymphgefäßen parallel zu Bündeln zusammengepackt sind, und die Atmung mit ihrem Wechsel von Unter- und Überdruck unterstützen den Lymphfluss ebenso wie die Bewegung des Darmes (Peristaltik).
Auf ihrem Weg zu den Venenwinkeln passiert die Lymphe etwa 600 Lymphknoten, die wir in unserem Körper haben (bewegen Sie den Mauszeiger auf die anatomische Darstellung links). Diese sind 5-20 mm groß, oval bis bohnenförmig und sind – außer im zentralen Nervensystem – überall im Körper verteilt. Starke Häufungen finden sich im seitlichen Bereich von Kopf und Hals, im Achselbereich und in den Lenden. Oftmals werden sie „Lymphdrüsen“ genannt. Doch diese Bezeichnung ist falsch, denn Drüsen sind Organe, die Substanzen bilden und absondern, Lymphknoten tun das nicht.
In den Lymphknoten fließt die Lymphe etwa hundertmal langsamer als in den Lymphbahnen. Dadurch kann sie bei körperlicher Ruhe bis zu 20 Minuten in einem Lymphknoten verweilen. Das ist sehr wichtig, denn die Lymphknoten sind hocheffiziente „Kläranlagen“ und je länger die Lymphe darin verweilt, desto gründlicher wird sie gereinigt. Allerdings funktioniert das nicht bei allen Schadstoffen. So sammeln sich etwa Teer vom Rauchen, Tätowiertinte und andere Umweltgifte im Lauf der Zeit in den Lymphknoten ab und beeinträchtigen deren Funktion. Infolge dessen wird die körpereigene Immunabwehr geschwächt.
Denn die Lymphknoten fungieren auch als „Polizeischulen“ unseres Körpers. In ihnen werden bei Infektionen unter dem Einfluss von Antigenen bestimmte Abwehrzellen (Lymphozyten) auf die Bekämpfung von „Übeltätern“ (Bakterien, Viren etc.) ausgebildet (spezialisiert). Die spezialisierten Abwehrzellen vermehren sich dabei sehr stark, was zu einer Schwellung des Lymphknotens führen kann. Anschließend schwärmen sie im ganzen Körper aus, um die jeweilige Infektion zu bekämpfen. Das Lymphgefäßsystem ist also ein ganz wesentlicher Teil unseres Immunsystems. Ohne unser Lymphgefäßsystem wären wir nicht lebensfähig. Auch Tiere – abgesehen von sehr primitiven Spezies – besitzen ein mehr oder minder komplexes Lymphgefäßsystem.